MENTALGASSI

Posted on | August 20, 2012

Im Sommer 2012 traf ich Lewis von Mentalgassi, einer 3köpfigen Street Artist Truppe aus Deutschland. Ein Privileg, wie sich nach der gemeinsamen Tour durch die Trendbezirke Wiens und einem äußerst lehrreichen Interview herausstellte.

DK: Was machst Du bei Mentalgassi?

Lewis: Wir verwenden dafür verschiedene Begriffe, wie urban entertainment oder Kunst im öffentlichen Raum. Was wir versuchen, ist mit immer neuen Mitteln die Leute aus dem Alltag rauszureißen. Dass es ein Augenzwinkern gibt durch die Arbeit, die man macht, dass es die Leute abfotografieren wollen, teilen wollen, oder dass wir dazu inspirieren, dass die Leute selber was machen wollen.

    


DK: Woher kommt der Name Mentalgassi?

Lewis: Uns (Mentalgassi besteht aus einer Kollektive von 3 Künstlern) sind die meisten Ideen gekommen, während wir mit dem Hund von einer Mitbewohnerin Gassi gegangen sind. Beim Gassi gehen haben wir Locations gefunden oder wir sind Leuten begegnet, die wir gefragt haben, ob wir sie nicht fotografieren können. Ganz viel Inspiration kam beim Spazieren, beim Entdecken von Stadtmöbeln, beim Entdecken von irgendwelchen Flecken, die wir bespielen und re-interpretieren wollen. Man hat uns irgendwann gefragt – wer wen Gassi führt, ob der Hund uns oder wir den Hund – dann saßen wir irgendwann auf der Couch, es hat tierisch geregnet und geschneit, wir haben uns ums Gassi gehen gedrückt – aber das Ritual des Gassi gehens zwecks Nachdenkens hatte schon so Fuß gefasst, dass wir total genervt waren, weil wir drinnen einfach nicht nachdenken konnten.

Ganz spontan kam eben der Gedanke, ‚Lasst uns halt mental Gassi gehen’. Das ist das Prinzip: Mit den Füssen denken.

 

DK: Ist es, dass man die Objekte beim Gassi gehen entdeckt oder dass man eigentlich sofort die Idee sieht?

Lewis: Sowohl als auch. Es ist ein Prozess, der von beiden Seiten angegangen werden kann. Es gibt sowohl Objekte, die einen inspirieren, die eine Form, eine Silhouette, ein Arrangement haben, oder in einem bestimmten Licht stehen, die halt schnell eine Assoziation geben, wie der ‚Glascontainer-Kopf’, der halbrund ist; der hat natürlich nach einem Kopf geschrien.

 

Andersherum sieht man Leute, die eine Frisur haben, die auf ein Objekt passt. Manchmal sitzt man einfach nur da und hat den klassischen Geistesblitz.

 

DK: Auf dem Weg durch Wien – welchen Eindruck hast Du denn von der Stadt, wenn wir über urbane Formen der Kommunikation reden?

Lewis: Der Gesamteindruck von Wien ist natürlich, dass einem wahnsinnig viel Geschichte um die Ohren fliegt. Eher so eine andere Zeit, die zu mir spricht – ich sag’ nicht, dass das, was wir gesehen haben, nicht modern ist. Weil ich aber generell soviel Street Art anschaue, sind es eben diese Sachen, die ich wahrnehme. Was gemacht wird, ist zum Teil sehr schön. Den Künstlern wird hier viel Platz gegeben, und Flächen zur Verfügung gestellt, auf denen sie einerseits aufwendig arbeiten können. Anderseits können sie zeigen, was in ihnen steckt bzw. sehen sie auch, dass sie ernst genommen werden.

Die Broken Fingaz Crew, die im 7. Bezirk in Wien gemalt haben, sind schon sehr weit in ihrer Arbeit. Man muss aber auch ermöglichen, dass Street Artists als Gäste eingeladen werden, wie Ben Eine (Anmerk.d.Red: Inoperable Gallery lädt immer wieder Street Artists nach Wien für Auftragsarbeiten und Galerie-Ausstellungen ein).   

Es ist aber auch schön, kleine Klebereien zu entdecken. Es gibt viele Graffiti Artists hier, die ‘klein’ arbeiten und noch sehr verhalten wirken. Die nehmen sich in ihrem künstlerischen Schaffen sichtlich noch nicht so ernst.

 

DK: Wir sind ja heute an einigen Auftragsarbeiten vorbeispaziert. Wie sieht die Lage hierfür in Berlin zur Zeit aus?

Lewis: Ich finde, dass Graffiti die letzte radikale Kunstform ist. Auch wenn’s den meisten Leuten nicht gefällt, weil’s nur ‚Geschmiere’ ist, es gibt immer wieder Künstler, wenn man sich in deren Bildsprache ernsthaft einarbeitet – was man ja bei jeder Kunstform, die man respektvoll betrachten will, tun sollte,  wenn man also das Vokabular dieser Künstler beherrscht, dann versteht man auch viel mehr und erkennt, wie toll manche Leute arbeiten. Da kann im Ernstfall einfach ein guter ‚tag’[1] dazugehören. Entweder, weil er so gut platziert oder so toll geschwungen ist, weil er so gut ausgearbeitet ist oder viel Ausdruckskraft hat.

Ich bin kein Fan von Leuten, die einfach nur Chromsilberdosen nehmen und großflächig Wände vollsprayen – da ist man keinen Deut besser, als die, die einen Namen zehntausendmal wiederholen und nur Selbstmarketing machen. In Berlin gibt’s viele Leute, die gute Auftragsarbeiten machen. Leider hört man viel zu oft, dass der Auftraggeber sagt: „Ich hab da vor kurzem was cooles gesehen – kannst Du mir nicht auch so was an die Wand malen?“

Was Deutschland angeht, gibt’s gerade die Diskussion:

Wie sind die Arbeiten zu evaluieren? Was ist es, dass man an der aktuellen Kunstbewegung so toll findet? Es ist ja nicht nur, dass sie groß, wild und expressiv ist. Das ist ja, was aus der Illegalität, der Ordnungswidrigkeit, dem ‚rebel youth’ Gedanken entstanden ist und das ist es auch, was Sammler interessant finden.


DK: Wer selektiert die Künstler? Sind es Galerien? Oder sind es Kulturvertreter der Stadt, die sagen: wir möchten den Bezirk verschönern?

Lewis: Es gibt viel Wände die über Kunstvereine und Kuratoren organisiert werden, genauso wie von  Werbetreibenden und PR-Agenturen. So kommt es dann auch zustande, dass der sehr interessante Künstler “Superblast” eine ganze Fassade bemalen kann.

DK: Immer wieder hört man böse Stimmen aus der Szene, die Kollaborationen mit Werbern nicht gut heißen. Deine Meinung dazu?

Lewis: Ich finde, es kommt sehr darauf an, wer mit wem zusammenarbeitet – unter welchen Bedingungen Mehrwerte geschaffen werden und ob man der Arbeit den Spaß ansieht.

 

DK: Welchen Mehrwert?

Lewis: Ich spreche davon, dass ein Künstler durch solche Kollaborationen mehr Aufmerksamkeit kriegt, in andere Bereiche reinwächst, wo er dann auch leichter seine Zukunft gestalten kann. Wenn man zu einer Brand Kollaboration eingeladen wird, kann man zusehen, dass man einen Pop Up Shop gestalten kann, eine Wand malt, und über kleinere Aufträge bald zu größeren kommt. Wenn man sich seines eigenen Schaffens bewusst ist, findet man leicht heraus, ob man mit einer bestimmten Marke zusammenpasst oder nicht. Am Ende kommt es nicht darauf an, ob ‚brand oder nicht brand’ – wenn der Künstler konsequent arbeitet, weiß er, dass seine Arbeit gut ist.

Da spaltet es sich gerade oft. Es gibt Leute, die so ein Projekt aus Prinzip ablehnen. Ich hab das durch meine Kurationsprojekte gemerkt – ich finde es sehr anstrengend, wenn jemand von Anfang an sagt: „Ne…, hau ab. Brands are evil!“ und 3 Wochen später ruft er mich an und sagt: „Ich brauch Geld – können wir nicht doch kooperieren?“ Heuchler. Die halten sich an einem Kunstbegriff fest, der total überidealisiert ist. Wenn Du Kunst machen willst, dann kannst du nicht von ‚der’ Kunst sprechen – dann machst Du Kunst zur Religion. Man spricht aber eigentlich immer von einzelnen Künstlern, und man muss akzeptieren, wie die ihren eigenen Weg gehen. Solange sie es schaffen, ihre Arbeiten sprechen zu lassen, gutes Selbstmarketing und Symbiosen zu schaffen, wird man erfolgreich.

This piece for NOKIA was created by TASSO.

Diese romantische Vorstellung, dass ein Künstler von niemanden abhängig ist, ein totaler Freigeist sein kann, von allen Gesellschaftsschichten akzeptiert wird, mit keinem Geld der Welt Zaubertricks raushaut, die ist total überholt. Ich finde, wer aber dennoch immer wieder Magie verbreitet, ist Brad Downey, der demonstriert, dass er Fantasie hat, weil er Objekte um arrangiert.

Wenn man auf interessante Leuten aus Marketingabteilungen trifft, sieht man, dass die einem als Künstler ganz viel Input geben können und interessante Aufgaben stellen. Es gibt nämlich genug Künstler, die sich im Kreis drehen. Die malen immer wieder dasselbe Motiv – einmal eine Ecke blau, und dann grün, aber es bleibt dasselbe Motiv. Ich habe vor jedem, der sich bewusst für eine Markenkollaboration entscheidet, der es schafft, mit einer Marke auf Schulterhöhe zu arbeiten und sich bewusst ist, dass man immer wieder laterale Verhältnisse erreichen kann, großen Respekt. Das gehört zum Künstler und kreativ-sein dazu. Wenn Du das nicht kannst, kannst Du keinen Wert, keine Relevanz erlangen. Wenn du keine Relevanz hast, kann Dir niemand sagen, wie er Deine Arbeit findet, und dann eröffnest Du keinen Dialog, was aber die wichtigste Aufgabe von Künstlern und Kreativen ist.

 

DK: Wie finanziert Ihr als Mentalgassi Eure Arbeiten?

Lewis: Wir lassen unser privates Geld einfließen. Es gibt Kollaborationen, wo wir Projekte einreichen und finanziert bekommen, aber wir haben ganz auf old school eine Gemeinschaftskassa. Dann schaut man in der Regel, ob die Partner eine ähnliche Summe aufwenden können und in der Regel versuchen wir wenig Zeit vergehen zu lassen, bis wir das Geld wieder über unsere Projekte ausgeben. Das Geld kommt von unserem Schaffen im Medienbereich.

 

DK: Die Themen, die ihr bespielt, haben die einen sozialkritischen Fokus, ist es eine politische Botschaft, oder gar der Versuch, eine gewisse Ästhetik im öffentlichen Raum zu definieren?

 

Lewis: Manchmal hab ich Angst, dass wir in einer Gefälligkeit versinken. Wir wollen einfach Spaß haben. Öfter fragen die Leute: ‚Wie kommt ihr auf diese Ideen? Was wollt ihr aussagen?’ Oder sie finden sofort ihre eigene Interpretation und meinen: „Cooles Gesicht, das drückt sicher aus ‘Ich scheiß drauf!'” Da antworte ich dann drauf: „Schön, dass Du das so interpretiert hast – das war aber auf gar keinen Fall die Intention. Das ist nicht von uns so wild gemeint, wie Du das interpretiert hast.“ Da gibt’s Gesichter, die kommen bullig oder mies gelaunt rüber,  dabei sind es zum Teil total liebe Typen, die wir fotografieren.“

DK: Wissen die Leute, die Ihr fotografiert denn, dass sie auf Flaschen-Containern landen?

Lewis: Ja. Die Leute sind doch kamerawütiger, als man sich das vorstellt.

 

DK: Es gibt noch immer viele Gegner der Street Art Bewegung. Wie würde man so einem Gegner versuchen zu erklären, welchen Einfluss Street Art auf unsere kulturelle Entwicklung hat?

Lewis: Diese Kunstbewegung existiert schon sehr lange. Sie hat viele Untergruppierungen, und im Falle von Ben Eine handelt es sich um eine typografisch wirklich hochwertige Form. Von vorne bis hinten echt hochästhetisch.

Kunst liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Wenn’s jemand nicht gefällt, ist das einfach so. Was ich sehe, ist, dass diese Kunstbewegung vor allem eine Diskussion über den Besitz und die Ästhetik im öffentlichen Raum lostritt. Wie sollen unsere Straßen und Häusermauern aussehen? Wie soll visuelle Kommunikation im öffentlichen Raum stattfinden?

Werbebotschaften und tausende Billboards akzeptieren wir, wir hängen alles voll, was ich eigentlich unfassbar finde. Louis Gossage hat schon in den 50er Jahren von Belästigung gesprochen. Es ist eine Bombardierung unserer Sinne. In den 70er Jahren hatte der durchschnittliche Mensch Kontakt mit 1000 Messages am Tag – jetzt haben wir über 5000 pro Tag und selber sind wir totale Screen junkies – wenn man eine halbe Stunde nicht gecheckt hat, was in sozialen Netzwerken oder am email Account los ist, wird’s bei manchen Menschen schon schwierig.

Das zeigt halt, dass viele Leute dabei sind, die mit einem Bewusstsein aufgewachsen sind, dass sie nicht warten müssen, bis irgendeine Institution sagt: „Ja, dieser junge Mann ist auf dem Weg, ein richtiger Künstler zu werden”, um dann in einer Galerie oder in einem Museum zu vergammeln und diese strukturierten Wege zu gehen. Du hast durch die hohe Vernetzung immer mehr Möglichkeiten, Deine Arbeiten direkter zu zeigen – die Leute sind eigentlich schon in den letzten Jahrzehnten rausgegangen, und haben den öffentlichen Raum zur Kommunikation mit ‚tags’ genutzt, z.B. in den 70ern.

Das Prinzip von den sprayern damals in New York war ja – die einen saßen in der Bronx, die anderen in Brooklyn. Dazwischen sind die Züge hin und her gefahren. Die einen haben oben was draufgeschrieben und unten haben die anderen die ergänzende Message draufgemalt. Und so ist der Zug quasi als Kommunikationsmedium zwischen den Stadtteilen hin und hergefahren. Und dazwischen haben die Leute diese mobilen Leinwände gesehen – manche fanden’s gut, manche nicht – aber es handelt sich um den Beginn einer kulturellen Bewegung, die für den Prozess rund um Street Art extrem wichtig war.

Ich finde, was da jetzt gewachsen ist, ist etwas, was ins 21. Jahrhundert passt. Wo die Strukturen vom letzten Jahrhundert einfach verändert werden. Wo die Highline in New York gestaltet wird, oder der ehemalige Flughafen Tempelhof, der jetzt auch vom grassroots movement mitdesignt wird. Das ist die Ausdrucksform für den gesellschaftlichen Wandel.

Insofern kann man den Gegnern nur sagen: “Wenn der einzige Kommentar gegen Street Art der ist, dass es verboten gehört, dann habe ich offensichtlich jemanden vor mir, der in einer Welt lebt, der sich von jemanden, der aufschreibt, was Gesetz ist, alles sagen lässt.“

 

DK: Die Stadt der Zukunft wird zur Megacity. Wie geht man damit um? Wenn jeder ‚sein Ding’ macht, wie soll das funktionieren?

Lewis: Was mir wichtig ist, ist die Rolle, in der ich Künstler sehe. Ich finde, dass die Künstler eine wichtige Aufgabe haben. Wenn es eine Handvoll Künstler schaffen, eine Diskussion loszutreten, mit etwas Provokanten, und im Nachhinein mit breiter Brust sagen können, dass genau diese Anregung einer öffentliche Debatte Sinn der Aktion war,  wenn die dann von presseträchtigen Aktionen sprechen, dann sind das Leute, zu denen ich mich nicht gerade dazuzähle, die ich aber toll finde, weil sie der Menschheit einen großen Dienst tun, wenn sie provozieren, wachrütteln und Diskussionen anstoßen.

 

DK: Wer ist da ein Rollenbild für Dich?

Lewis: Ich finde nach wie vor die Dialoge, die BANKSY eröffnet, interessant, weil er verstanden hat, wie das Spiel funktioniert, und dass seine Kunst nicht nur über den rein ästhetischen Aspekt sondern über den Kommunikationsgrad beurteilt wird. In der Vorbereitungsphase für die Olympischen Spiele zum Beispiel hat er eine Merchandising Aktion gemacht, wo ein kleiner Junge englische Fahnen genäht hat.

   

Und während der Olympischen Spiele tauchten dann Motive auf, wo ein Stabhochspringer über einen meterhohen Zaun springt.

Banksy weiß eben, dass er damit eine Debatte anregen kann. Dass er sagt ‚Vergesst nicht, was nebenbei in der Gesellschaft passiert.’ Ich will nicht sagen, dass Street Artists das Gewissen der Gesellschaft sein sollen, aber da sitzen jede Menge Leute, die versuchen, mit neuen Technologien, mit neuen Sprühdosen – was auch immer ihnen geboten wird, um damit zu spielen, sich auszutauschen, und ihre Gedanken nach draußen zu tragen, weil es ihnen um die Sache geht, weil sie einen totalen Narren an der Kunstbewegung gefressen haben und so darin aufgehen, dass sie sich vielleicht gar nicht mehr an der gesellschaftlichen Debatte anders anschließen können, als wenn sie eine Arbeit zeigen. Weil sie nicht mehr an gesellschaftlichen Debatten der Debatte halber teilnehmen, sondern weil sie nur noch in ihrem Schaffen leben. Da greift dann das Gesetz: ein Bild sagt mehr aus 1000 Worte. Wenn diese Bilder draußen sind und ein gutes Konzept dahinter steckt, und die Leute Mut bewiesen haben, indem sie eine tolle Stelle belegt haben. Vielleicht ist es eine Aktion, vielleicht wird ein Film daraus. Die Leute sehen das. Dass jemand sich aufbäumt, dass sich jemand nicht gegen, sondern für die Kunst starkmacht.

Ich möchte nicht, dass jeder Künstler so hochmoralisch arbeitet. Aber ich finde, dass die Kunst was ist, wo die Gesellschaft einen geistigen Spielplatz hat. Ab und zu stellt halt jemand ein tolles neues Klettergerüst hin, dann können sich viele Leute daran ergötzen. Das ist eine Domäne, die unbedingt erhalten werden muss.

Jemand, der im Medien- und Kommunikationsbereich arbeitet – da gibt es Sachen, die kommunizieren nicht viel, die sind einfach nur hübsch. Andere treffen den Nagel auf den Kopf. Fakt ist, dass die Leute was gemacht habe. Das letzte Geheimnis – woran wir bei unseren Kunden scheitern, ist das Machen. Ich glaube, es gibt ganz viele Leute, die würden,  wenn die sie Idee toll finden, auch auf ein Monatsgehalt pfeifen, damit man das, was man in der Agentur nicht durchkriegt, einfach rausbekommt, damit man nicht in der digitalen Prokrastination zwischen Statusmeldungen versinkt. Und zwar analog. Das, was online an social networking passiert, funktioniert halt auch analog. Die Arbeiten werden mehr nach ihrem Kommunikationswert bewertet. In Kombination mit ihrer Ästhetik und dem Mut, ist das alles, was ins Genre Street Art reinspielt.

 

DK: Soll das ein Aufruf sein für junge Künstler…

Lewis: Kunststudenten, wer auch immer, die sollen losgehen, mit aller Ernsthaftigkeit – und einfach nie den Spaß vergessen. Man sieht den Arbeiten das an.

 

DK: Worin liegt der Spaß?

Lewis: Das definiert sich immer wieder um. Manchmal ist es das ‚rumdödeln’; wir 3 von Mentalgassi sitzen in 2 verschiedenen Städten, wir arbeiten viel über email, dropbox, evernote; Als es all das nicht gab, haben wir einfach Skizzen herumgefaxt. Es war diese Grundbegeisterung, die noch immer da ist. Ich hab im Alter von 13 Jahren einen Narren an Graffiti und Street Art gefressen und seither sind 18 Jahre vergangen.

   

Der Spaß kommt aus dieser Zeit, der ist einprogrammiert worden, es ist auch die Aufregung, wenn man sich was ausdenkt, was man illegal macht, es ist der Austausch, wenn man gemeinsam was mit Freunden macht, dieses ‚crew’ Ding.

 

DK: Fame and glory spielt keine Rolle?

Lewis: Irgendwann willst Du das schon. Wenn das aber unser einziges Ansinnen wäre, dann würden wir dauernd was kleben. Wenn man aber unseren Blog verfolgt, sieht man, dass wir nicht dauernd was machen.

 

DK: Der Mensch, insbesondere Köpfe, scheinen bei Euren Arbeiten im Fokus zu stehen.

Lewis: Wir arbeiten sehr gerne mit Portraitfotografie – Ich glaube, wenn Du unbedingt was wissen willst, dann ist es Dir wahrscheinlich auch am liebsten, wenn Du die Leute treffen kannst. Ich liebe abstrakte geometrische Formen, aber wir haben uns nach etwas gesehnt, was auf eine simple Art kommuniziert – das ist eben die Portraitfotografie. Das versteht jeder. Auf der anderen Seite geht jeder mit der Interpretation von einem Gesicht ganz anders um. Auf der einen Seite kann jeder fotografieren, auf der anderen Seite kann man nicht überall Fotos ‚aufstellen’. Schon gar nicht experimentelle. Es gibt schon Leute z.B. aus Japan, die Menschen 360 Grad abfotografiert und dann auf Puppen geklebt haben, aber wir haben uns gedacht: ‚Wie kannst Du Fotografien im öffentlichen Raum, ohne dass Du nur ein Poster machst, was ein Format ist, das jeder über hat, und schon eine Zensurbrille aufhat, wie kann man das interessant machen?’ Weil wir alle 3 passioniert fotografieren – wir waren immer von einem tollen Portrait, ob technisch hochwertig oder total scheiße aus der Hüfte geknipst – wenn ein Gesichtsausdruck interessant oder imposant ist, fasziniert. Genauso fasziniert, wie Graffiti auf mich wirkt. Graffiti ist halt leider so restriktiv codiert – Du schließt einfach mit dieser visuellen Sprache viele Leute sofort aus. Die verstehens einfach nicht. Das fand ich wahnsinnig lästig.

 

Ich glaube, was gezündet hat in Berlin, ist der Kampf gegen die Anonymität. Wer interessiert sich schon für einen Recyclingcontainer? Du läufst ständig durch Berlin, der Raum ist riesengroß, da fährst Du oft eine Stunde in die Arbeit. Der Raum ist auch in vielen Fällen nicht so hübsch, sondern rein funktionell. Es ist eh schon alles so anonym, da dachten wir: ‚Da kann man ja auch ein Gesicht auf den Container kleben.’

 

DK: Wie soll die Stadt der Zukunft Deiner Meinung nach aussehen?

Lewis: Ich würde unfassbar viele Straßen abschaffen. Ich würde das Auto so weit verbannen, wie’s irgendwie geht. Ich fand es cool, die ersten 6 Jahre meines Lebens in einer Straße zu wohnen, in der es keine Autos gab.

So vernetzt, wie die Städte jetzt sind, so viele Möglichkeiten, die Du jetzt mit Mietautos wie Car2go oder Mietfahrrädern hat, immer mehr Leute werden diese Services nutzen. Weniger Autos wären schön, weil dann würde man mehr Mentalgassi gehen und könnte dadurch mehr Orte bespielen.

Ich würde mich freuen, wenn die Schule das Fach Architektur in den Unterricht mit aufnehmen würde, weil zur Architektur die Wahrnehmung von Gebäuden im Raum gehört. Wenn Du die Wahrnehmung und die Bewegung bei Kids schon schulst, dann werden die Gedanken zur Umgestaltung der Stadt und der Stadtteile aufs 21. Jahrhundert angepasst, und innovatives Denken würde dann viel leichter fallen.

Wir hängen meilenweit den Modellen von NY hinterher – Stichwort Highline, das von der community angeregt wurde – die Möglichkeit zu partizipieren – man hat den Eindruck, dass wir mehr Bezug zum Raum brauchen, in dem wir leben.

Ich sitze in Hamburg seit 7 Jahren und seit 6 Jahren verabschieden sich Leute. Genauso heiße ich aber auch Leute willkommen. Die Städte wachsen, aber die Fluktuation ist einfach stärker geworden. Leute kommen in Städte, ziehen aber wieder weg. Dadurch wird es schwer, den Bezug zu einer Stadt aufzubauen und sich zu involvieren. Man wollte immer moderne Städte – ich find’s jetzt aber schön, wenn Lokalkolorit da ist. Du hast nicht mehr den Typ, der sagt: ‘Hier muss man dieser und jener lokalen Tradition folgen’. Die Identität geht aber dadurch flöten.

 

DK: Und wie soll die ‚Kommunikation der Zukunft’ für Dich aussehen?…Was soll sie haben und was nicht?

Lewis: Ich finde die Ausführungen im Book of Gossage gut. Howard Gossage hat in San Francisco in den 50er Jahren eine kleine Agentur aufgemacht und sich damals schon, als die Highways gebaut und damit die vielen Billboards aufgestellt wurden, furchtbar aufgeregt. Visuelle Belästigung –60 Jahre später hat sich nichts geändert.

Ich glaube, das Prinzip, das beim Mensch wirklich wichtig ist, das für den Körper wichtig ist, das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung, da müsste es mehr im Raum geben – Naherholungsgebiete – wo nichts ist, wo keine Nachrichten sind. Es müsste Zonen geben, wo Du nicht vollgeballert wirst.

Es müsste mehr Flächen geben, dort, wo man in Berlin früher mal einen aufblasbaren Bildschirm von Sony aufgestellt hat, damit sich die Menschen davorsetzen, um sich massenhaft Freibier in den Schädel zu knallen – da hätte ich in Zukunft lieber eine Wand, wo Leute zugucken können, wo Künstler was malen. Mehr legale Wände. Es gibt so Leute wie Jim Avignon, die mit Pop Art was machen. Wenn sich viele Städte zusammenschließen würden und sagen: „Wir möchten einem Künstler eine Tournee durch die Städte finanzieren, wo jede Stadt sagt: „Die und die Wand gibt’s, die ist vorgestrichen, und für den Künstler vorbereitet“, dann kann der Künstler leichter arbeiten und vielleicht Leute einladen, die mitarbeiten, oder Schulklassen können sich bewerben…

Ich wünsche mir, dass der öffentliche  Raum ernster genommen wird. Das ist, was für viele Leute Street Art so interessant macht. Weil die Diskussion über den öffentlichen Raum angeregt wird. Das ist den Leuten wichtig – weil sie die Stadt lesen. Ich hab mich mit visuellen Signalen immer in Städten orientiert. Es muss nicht alles illegal sein – mehr zusehen, wie Leute ‚schaffen’ im öffentlichen Raum; nicht alles ‚muss’ so zweckgebunden sein –  wir sollten mehr Mus(s)e Einzug halten lassen.

Die Städte werden immer grösser, dadurch wird höher gebaut werden, dadurch wird’s immer grauer, dadurch wirst Du weniger Bock haben, Dich durch die Stadt zu bewegen und irgendwann wird man vor einem Screen versauern. Aber wenn es kleine Inseln gibt, wo man sich selbst verwirklichen kann oder jemand zuschauen kann, wie er eine Stadt beklebt oder bemalt… da gibt es 1000 Formate, die man wählen kann.

Von der digitalen Ergänzung gar nicht zu reden.

 

DK: Vielen Dank fürs Interview.

 


[1] Tag = a stylized signature, normally done in one color. The simplest and most prevalent type of graffiti, a tag is often done in a color that contrasts sharply with its background. Tag can also be used as a verb meaning “to sign”. Writers often tag on or beside their pieces, following the practice of traditional artists who sign their artwork.