Ars Electronica 2012: Interview mit Julius von Bismarck

Posted on | September 4, 2012

Wer den Raum betrittt, in dem der Versuch unter Kreisen von Collide@ CERN-Preisträger Julius von Bismarck installiert ist, bemerkt zunächst nichts Ungewöhnliches – bis plötzlich etwas in Bewegung gerät. Die Hängelampen im Raum beginnen zuerst langsam und dann immer stärker zu schwingen, als würde das Gebäude schwanken. Jedes Licht folgt einer bestimmten Choreografie. Die mathematisch berechneten zyklischen Bewegungen dabei sind von Wellenmustern inspiriert.

Das folgende Interview führte ich mit Julius von Bismarck im Rahmen der Ars Electronica am 2.9.2012 in Linz (Österreich):

DK: Julius, wir schauen gerade auf Deine Installation ‘Versuch unter Kreisen’ – schildere bitte kurz, worum es hier geht.

JvB: Die vier Lampen hängen an unterschiedlich langen Pendel. Von hier gesehen ist die nächste Lampe die kürzeste – nach hinten werden sie immer länger. Das Resultat ist, dass sie verschieden schnell schwingen: Die Pendellänge ist ausschlaggebend für die Geschwindigkeit. Wenn Objekte in verschiedenen Tempi schwingen, dann können sie nicht synchron schwingen. Wenn man die Geschwindigkeit (bzw. das Timing) allerdings so wählt, dass sie einen gemeinsamen Nenner haben, dann schwingen die Objekte nach einer gewissen Anzahl von Runden kurz gemeinsam. Also wenn die erste Lampe sich 75 mal dreht, dann braucht die zweite 76 Runden, die dritte 77 Runden und die vierte 78 Runden.

   

DK: Worum geht es bei dem Projekt?

JvB: Es geht mir hierbei nicht um eine Sache, sondern darum, was man denkt, wenn kurz diese Harmonie zwischen den schwingenden Lampen eintrifft. Es gibt Phänomene, die in der Natur vorkommen – in Form von Zahlen, in Form von Schwingungen, in Form von Musik, in Form von Licht. Hier habe ich probiert, die Phänomene, die normalerweise auf ganz kleiner mikroskopischer Ebene stattfinden, in ganz großer Dimension darzustellen und dies auf einem neuen Weg greifbar zu machen. Eine Schwingung, die wir kennen, sind zum Beispiel die Schallwellen – diese können wir, beschränkt durch unsere menschliche Wahrnehmung, nur beschränkt begreifen und reproduzieren. Die schwingenden Lampen sollen dies visualisieren.

DK: In einem weiteren Projekt, das in Linz vorgestellt wurde, peitscht Du die Alpen und die Freiheitsstatue in New York aus. Rächst Du Dich an der Natur?

  

JvB: Das Projekt zeichnet sich durch viele Aspekte aus. Ich habe verschiedene Objekte ausgepeitscht. Die Natur spielt dabei eine Rolle. Der Titel der Arbeit verweist darauf hin, dass der achämenidische Großkönig und ägyptische Pharao Xerxes I. die Meeresenge Hellespont mit 300 Peitschenhieben strafen ließ, nachdem dort mehrere von ihm in Auftrag gegebene Brücken kurz nach dem Bau durch ein Unwetter zerstört wurden. Hier wurde also die Natur dafür bestraft, dass sie etwas gegen den Willen des Herrschers gemacht hat. Heute wird die Natur als das einzig Positive wahrgenommen und der Mensch als eine Perversion. Der Begriff „Natur“ wird als positiver Werbebegriff für Marketing, Politik, uvm. verwendet. Ich möchte thematisieren, was heute passiert, wenn ich die Bestrafung Xerxes wiederhole. Der Naturbegriff hat sich in der Zwischenzeit verändert: Was bedeutet das heute? Es geht mir um diese Veränderung des Naturbegriffs. Eigentlich peitsche ich diesen Begriff aus.

DK: Geht es Dir auch darum, die Reaktion der Leute zu beobachten, wie sie auf Deine Arbeit reagieren?

JvB: Ja, klar. Es geht darum, durch Provokation eine Reaktion hervorzurufen. Natürlich ist es auch für mich selbst. Das heißt die Erfahrung, die ich mache, wenn ich am Berg stehe und peitsche – es ist eine Sache, die für mich selber wichtig ist, die ich selber erlebe, die mich verändert. Ich stehe in der Natur und versuche sie zu bestrafen und im Endeffekt bestrafe ich mich selber, weil ich unglaublich viele Schmerzen habe, weil ich zehn Minuten lang peitschend am Gletscher stehe – am Ende kämpft man gegen seinen eigenen Schmerz. Aber natürlich mache ich das auch, um beim Betrachter des dadurch entstandenen Bildes eine Reaktion hervorzurufen.

DK: Dein Artist-in-Residence Aufenthalt in CERN war sicher eine Wahnsinns-Erfahrung. Wie wird Dich das bei der Kreation Deiner neuen Arbeiten beeinflussen?

JvB: Es hat meinen Blick auf die Welt verändert. Und mein Blick auf die Welt ist das, was zu meinen Arbeiten führt. Demnach glaube ich, dass es einen gravierenden Einfluss auf meine Arbeiten haben wird. Vielleicht ist es nicht in jeder Arbeit und in jedem Detail zu sehen. Bei dieser Arbeit hier ist es offensichtlicher – in anderen Arbeiten vielleicht nicht so. Aber es hat mich als Person verändert und hat demnach einen Effekt auf meine Arbeiten.

DK: Was nimmst Du am meisten aus CERN mit? Ein Erlebnis? Einen Moment? Was ist denn die tollste Erfahrung gewesen?

JvB: Es gibt nicht ein herausstechendes Highlight – es sind eigentlich mehrere. Am Anfang ist es unglaublich toll, die ganzen Maschinen zu sehen: Da kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Danach sind es mehr die Momente, in denen man drei Stunden mit einem Wissenschaftler diskutiert und gar nicht aufhören möchte, weil es so spannend ist, sich so zu unterhalten. Diese guten Gespräche sind sehr oft zu Stande gekommen – ich bin dadurch in Felder vorgedrungen, in die man ohne diese Gesprächen nicht so einfach kommt. Ich habe am Abend immer alles aufgeschrieben, um das Ganze nicht zu vergessen.

DK: Wie lange warst du dort?

JvB: Insgesamt drei Monate.

DK: Vielen Dank für das Gespräch.

Julius von Bismarck, August 2012, Linz
© Daniela Krautsack