ARS ELECTRONICA 2012 – DIE HIGHLIGHTS

Posted on | September 8, 2012

Wo man in drei Tagen alles über Brain Painting, Bakterienradios und Mondgänse erfährt

Die Ars Electronica versammelt seit über drei Jahrzehnten Künstler, Wissenschaftler, politische Aktivisten, und Technologieexperten aus aller Welt am ersten Septemberwochenende in Linz. Oft schon dachte ich mir: ‚Fahr ich dieses Jahr mal zur Burning Man Parade nach Nevada oder wieder zur Ars nach Linz?‘ Und immer wieder gewinnt Linz. Was Gerfried Stocker und sein Team jedes Jahr aus diesem Festival machen, ist zu ideenreich, zu inspirierend und zu horizonterweiternd, als dass ich auch nur eines dieser ‚brain adventures‘ in Linz verpassen will.

 

THE BIG PICTURE hieß das diesjährige Motto des Festivals, das die Notwendigkeit für einen offeneren Blickwinkel auf die Herausforderungen unserer Gesellschaft fordert. Ein großes Bild, das sich keiner zentralen Steuerung unterwirft, sondern ein Puzzle aus vielen Sichtweisen ist. In Symposien, workshops und beim Besuch hunderter Installationen machten wir uns auf die Suche nach möglichen Weltbildern von morgen.

Immer wieder ist es die Wissenschaft, die neue Weltbilder prägt. Vertreter der Organisation für Kernforschung in Cern und der Ars Eletronica entschieden sich vor kurzem, Kernphysik durch Kunst erlebbar zu machen. Julius von Bismarck wurde als erster Artist-in-residence und Bildbotschafter der Forschung für drei Monate nach Cern entsandt: „Es hat meinen Blick auf die Welt verändert. Und mein Blick auf die Welt ist das, was zu meinen Arbeiten führt. Demnach glaube ich, dass es einen gravierenden Einfluss auf meine Arbeiten haben wird. Vielleicht ist es nicht in jeder Arbeit und in jedem Detail zu sehen. Bei dieser Arbeit hier ist es offensichtlicher – in anderen Arbeiten vielleicht nicht so. Aber es hat mich als Person verändert und hat demnach einen Effekt auf meine Arbeiten“. In seiner Installation ‚Versuch unter Kreisen‘, die Julius im OK Center in Linz austellt, lässt er vier Hängelampen in mathematisch berechneten zyklischen Kreisen schwingen. Jedes Licht folgt dabei einer bestimmten Choreografie. Siehe dazu das detaillierte Interview mit Julius: http://www.cowsinjackets.com/2012/09/04/ars-electronica-2012-interview-mit-julius-von-bismarck/

Vernetzung ohne Kontrolle liegt der Innovation des Schweizer Künstlerteams Mathias Jud und Christoph Wachter zugrunde, die mit qual.net ein Programm entwickelten, das ohne Internetverbindung ein Kommunikationssystem aufbauen kann. Mathias Jud erklärt mir, worum es bei qual.net geht: „Wir alle besitzen Laptops und Mobiltelefone, die WIFI fähig sind und sich miteinander verbinden können. Mit der Software, die wir open source anbieten, sollen immer mehr Menschen ohne Kontrolle durch Regierungen kommunizieren können. Die Hoffnung, die wir mit dem Projekt verbinden ist, ist dass es uns als Entwickler nicht mehr braucht. Also, dass es von der Community getragen wird. Wir wissen nicht, wie viele Leute qual.net benutzen, weil alle user, die die Software herunterladen, diese selber wieder weitergeben, dadurch in die Welt hinaustragen und irgendwo weiter entwickeln. Daniela Krautsack: „Wie funktioniert das System technisch betrachtet?“ Mathias Jud: „Die Wlan-Karten haben verschiedene Modi. Die haben zum einen den Client-Modus, den wir normalerweise benutzen. Das heißt, wo man sich mit einem Access-Point verbindet. Der Client ist der, der die Verbindung bezieht und man kann dann ausschließlich über diesen Access-Point kommunizieren. Und dann gibt es den ad hock-Modus, wie man das nennt. Das ist eine andere Einstellung in der Karte. Und da kann man sich mit verschiedenen Personen gleichzeitig verbinden. Hier befindet man sich eigentlich in einer so genannten ‚Wolke‘ und kann mit allen gleichzeitig sprechen, die auch in diesem Modus sind. Aufbauend darauf gibt es ein Routing-Protokoll: Das heißt, dass – normalerweise kann man nur mit denen sprechen, die man direkt sieht. Über dieses Routing-Protokoll werden die Daten-Pakete an alle anderen im Netzwerk weitergeroutet. Das heißt, es genügt, wenn jemand einfach irgendwo Access zu dieser Wolke hat, damit er mit den anderen kommunizieren kann, aber man muss ihn nicht direkt sehen. Dadurch kann man ein flächendeckendes Netz aufbauen.“

  

Was die Organisatoren und Künstler der Klangwolke auch dieses Jahr wieder auszeichnete, ist die rund gedachte Strategie. Jedes Detail basiert auf einer Geschichte, einer Metapher, einem gesellschaftlichen insight oder befindet sich einfach am Puls der Zeit. Dieses Jahr steht die Klangwolke ganz im Zeichen der Vernetzung. Die Kommunikation dient dabei als Gestaltungselement. Der Buchstabe als kleinster Informationsträger der menschlichen Sprache ist der visuelle Kern der Klangwolke. Knapp einen halben Meter groß, aus Karton gebaut, mit Leuchtdioden (insgesamt wurden über 400.000 LEDs verwendet und damit fast der gesamte Bestand in Österreich aufgekauft) und einem Receiver, liebevoll ‚Linzerschnitte‘ genannt, versehen. Ich habe mich natürlich zum Mitbasteln entschieden. ‚D‘ ausgewählt, im AEC Bastelcorner personalisiert und schon stand ich Samstag Nacht unter 90.000 Besuchern, darunter 2.000 individualisierten Buchstabenkunstwerken, deren Kreateure wie ich dem Aufruf zur Partizipation gefolgt sind. Insgesamt waren es 5.000 Buchstaben, die gehalten, auf Brückenmasten montiert, in Auslagenscheiben positioniert usw. über Radiowellen mit dem Internet verbunden waren und auf Knopfdruck von zentraler Stelle in einer Art Leuchtbuchstaben-Symphonie dirigiert wurden. Gute Neuigkeit: auch diese Entwicklung ist open source und in einigen Monaten zur Adaption verfügbar.

 

  

Als eye-catcher präsentierten sich die LED Suits von LIVA, Lichtlotsen, die der Geschichte von der Entdeckung der Elektrizität bis zum Siegeszug des künstlichen Lichts den Weg wiesen.  Umwerfend fand ich auch die über Lichtprojektion gesteuerte, visuelle Verwandlung der Wohnhauszeile an der Donau in eine Klaviatur zu den Tönen einer Sonate. Das absolute Highlight des Abends jedoch war der weltweit erste Quadrokopter (ein Multirotor-Flugsystem) Formationsflug, der 50 Lichtpunkte in ein Auge und dreidimensionale Figuren am Himmel verwandelte. Mit diesem Projekt konnte sich das Ars Electronica Futurelab gegenüber der ETH Zürich und dem MIT Senseable City Lab beweisen, die an ähnlichen Entwicklungen arbeiten, bisher jedoch keine Umsetzung ermöglichen konnten. Jeder der über GPS gesteuerten Flugkörper wurde dank LED-Ausstattung zum mobilen Leuchtkörper umgebaut. Die Quadrokopter Premiere in Linz läßt auf eine spannende Zukunft mit OLEDs und anderen Pixeln hoffen, deren Formation eines Tages Schriftzüge und Bilder am Himmel erleuchten werden lassen.

  

 

 

 

In der Cyberarts Ausstellung finde ich mich dann als Protagonistin der ‚Ideogenic Machine‘ wieder. Ein Algorithmus wandelt live aufgenommene Fotoporträts in eine Strichzeichnung um; mithilfe von Gesichtserkennung werden automatisch leere Sprechblasen eingesetzt. Nach einer Reihe von Regeln, die den Kompositionsentscheidungen eines menschlichen Comiczeichners nachempfunden sind, erzeugt die Software sich nie wiederholende Kompositionen. Man kann sich den 7seitigen Comic nach Fertigstellung als PDF zumailen lassen und die leeren Sprechblasen mit einem selbst erdachten Dialog füllen.

 

Nicht nur die vielen Installationen, sondern vor allem die tagefüllenden Symposien sind es, die begeistern. Unter den Highlights ist Joe Davis, der die Goldene Nica für sein Project ‘bacterial radio’ gewann. Joe Davis ist Forscher am Institut für Biologie am Massachussets Institute of Technology (MIT) und im George Church Labor and der Medical School in Harvard. Sein 2011 mithilfe von Molekularbiotechnologie aus einem Schaltkreis und zwei Bakterienkulturen entwickeltes ‚bacterial radio‘ zeigt die Schnittstelle von Biologie und Technik. Davis: „Ein Detektorradio ist ein einfacher Schwingkreis, der lediglich Induktivität, Kapazität und einen „Kristall“ – einen mineralischen Halbleiter zur Umwandlung der empfangenen Radiosignale in elektrische Gleichstromsignale, die mit einem Kopfhörer in Schall aufgelöst werden können – benötigt. Ein solch einfacher Schaltkreis kommt ohne Batterien, Röhren oder Transistoren aus, und arbeitet allein mit der Spannungsdifferenz zwischen Antenne und Erde.“

 

Symposium-Highlight Numero 2, Japaner Hiroshi Ishiguro, ein Mastermind, wenn es um die Entwicklung von Robotern und im speziellen von Androiden geht, ist Professor für Robotertechnik an der Universität von Osaka und Direktor von ATR (Advanced Telecommunications Research Institut) und feierte schon in den letzten Jahren als ‚Featured Artist‘ große Publikumserfolge bei der Ars Electronica. Hiroshi arbeitet seit langem an einem Menscheitstraum: sich selbst zu archivieren und als Android zu erschaffen. Sein Android läßt auf den ersten Blick nicht erkennen, welcher von beiden real oder Roboter ist. Auf meine Frage, ob er für einen Vortrag in Wien zu begeistern wäre, meint Hiroshi: „Jederzeit. Ich schicke einfach meinen Assistenten und mich in einer Tasche mit. Ich bin schnell zusammengebaut.“ Das Interview, dass ich mit Hiroshi Ishiguro geführt habe, folgt am 10.9.2012.

 

Und das dritte Highlight stellt für mich die Deutsche Agnes Meyer-Brandis dar, die Mondgänse züchtet und in einem kleinen italienischen Dorf in den Abruzzen für einen Flug zum Mond vorbereitet. Ja, wer die Videoclips der Künstlerin, die in ihren Arbeiten stets Poesie und  Wissenschaft verbindet, sieht, ist anfangs für einen längeren Moment schwer verwirrt. Meyer-Brandis lehnt ihr Projekt an die Erzählung des Bischofs Francis Godwins ‚The Man in the Moone‘ von 1603, in der es um ein von Gänsen gezogenes Gefährt zum Mond geht. Also zieht Meyer-Brandis elf Gänseküken groß, gibt ihnen Astronautennamen und prägt sich als Gänsemutter. Daraufhin bringt sie Neil, Juri, Inina und Co. in der V-Formation das Fliegen bei, unternimmt Expeditionen mit den heranwachsenden Gänsen und liest ihnen aus wissenschaftlichen Büchern vor. Untergebracht sind die Mondgänse in einem dem Mond nachgebildeten Lebensraum. Wir sind gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Mehr dazu unter: http://www.ffur.de/

 

Unbedingt zu erwähnen ist die Gewinnerin der goldenen Nica in der U19 ‚Create your World‘ Kategorie des Festivals. Astrid Aistleitner heißt die junge, noch schüchtern auftretende Dame, die sich im Maturajahr an ihrer HBLA während der Unruhen in Ägypten fragte: „Stimmt das eigentlich, was die Medien über den arabischen Frühling berichten?“ Also fragt sie kurz beim Direktor und den Eltern um Erlaubnis an, nach Kairo zur Recherche aufbrechen zu dürfen und fliegt auf eigene Faust und furchtfrei an den Krisenherd. Die Videofootage, die die Schülerin auf der Straße, inmitten einer Demonstration und beim Zusammentreffen mit Studenten, Marktstandlern und Politologen dreht, schneidet sie zu einem 15minütigen Dokumentarfilm mit dem Titel ‚State of Revolution‘ und reicht ihn kurzerhand beim Ars Electronica Festival ein. Mit Erfolg und viel Applaus des Publikums.

 

Worauf wir bei einem weiteren Video-Highlight und preisgekrönten Projekt wären: Unbedingt zum ‚nachschauen‘ empfohlen ist die Zeitraffer-Videoanimation von Jeff Desom, der in akribischer Montagearbeit Alfred Hitchcocks ‚Das Fenster zum Hof‘, in einem völlig neuen Blickwinkel visualisiert. Zur Arbeitsmethode befragt, meint der Nica Preisträger nur trocken: „Ich habe lediglich mit After Effects und Photoshop zwei Monate lang Tag und Nacht gearbeitet.“

Natürlich gibt’s noch viele weitere Installationen, die eine Erwähnung verdient hätten, wie z.B. die Strickmaschine, die nur strickt, wenn sich zwei Menschen umarmen.

  

Big Pictures entstehen also jeden Tag, produziert von Kunst, Technologie, Forschung und jedem einzelnen. Inspiration liefern, zum Umdenken bewegen, und unsere Weltbilder verändern können sie nur, wenn man sie teilt – auf einem außergewöhnlichen Festival, wie der Ars Electronica und dadurch mit der ganzen Welt. Wer noch nie bei der Ars Electronica war, sei durch diese Berichterstattung hoffentlich motiviert. Der Besuch, für den man sich mindestens 3 Tage Zeit nehmen sollte, ist nicht nur für Nerds und Experten ein horizonterweiterndes Erlebnis.