Post-City at Ars Electronica 2015

Posted on | September 20, 2015

Im Zentrum des zukunftsweisenden Festivals Ars Electronica stand heuer das Motto „Post City – Lebensräume im 21. Jahrhundert“. „Die Stadt ist“, und das wird in den vielen Symposien und bei der Gala im Brucknerhaus von Gerfried Stocker, dem kongenialen künstlerischen Vater des Festivals immer wieder erwähnt, „die erfolgreichste Überlebensstrategie und das größte Experiment der Menschheit“.

Stocker: „Das Festival nützt die Idee von Stadt, um auf Zukunftsentwicklungen zu blicken. Wir haben heuer die außergewöhnliche Möglichkeit erhalten, im ehemaligen Postlogistikzentrum am Bahnhof eine Festivalstadt zu errichten. Wir haben sie Post City getauft, ein interessantes Wortspiel mit der ‚Stadt danach‘, also der Stadt der Zukunft und der Location der Post City.“ Dort wurden auf einer Fläche von mehreren Zehntausend Quadratmetern Ausstellungen, Inszenierungsräume und eine eigene Konzerthalle eingerichtet, um über „die Stadt“ nachzudenken…

Stocker meint überzeugt: „Vielleicht nimmt sich der eine oder andere neue Ideen mit nach Hause und arbeitet selbst an der Gestaltung seiner Stadt mit.“

Future mal vier

Der Fokus des Festival-Parcours in der Post City liegt auf vier Themenkreisen: Future Mobility, Future Work, Future Citizen und Future Resilience. Die Stadt als Verkehrsknotenpunkt, als Arbeits- und Marktplatz, als Ort der Gemeinschaft und die Stadt als Zufluchtsort. Im Ausstellungsbereich Future Mobility begeistert der Anblick von avantgardistischen Elektromotorrädern und Flugobjekten, die mit der visuellen Anmut eines Rochens durch die Lüfte schweben. Bionische Beinprothesen erkennen Bewegungswünsche im Voraus und bei der Begegnung mit Halluc II, einem Robotergefährt auf acht Rädern, das mit der Größe eines Chihuahua und der Performance einer tanzenden Kakerlake besticht, weiß man nicht, ob man es umarmen oder davonrennen will. Lustiger als der Bewegungsspielraum der zahlreichen Roboter aus japanischen Forscher-Laboratorien sind nur deren Erfinder selbst. Unglaublich komisch der Gewinner des Prix Ars Electronica in der Kategorie Digital Music & Sound Art, der auf die Frage nach seinem Background sein Tablet zückt und in gebrochenem Englisch liest: „I had a company that produced computer equipment. One day a German company asked me to sell it. So I sold it. They were happy. I was happy too. Then I became an artist.“ Die Wahl Nelo Akamatsus als Preisträger war umstritten. Stocker erklärt die Entscheidung so: „Akamatsu ist weder Komponist noch Musiker noch Klangkünster. Sein Projekt ist jedoch so interessant und herausragend im Bereich Sound Art, dass es aus hunderten Einreichungen hervorstach.“ Vom Computer-Equipment-Unternehmer also zum Oscar-Preisträger digitaler Medienkunst.

Wer den Arm eines Kuka-Roboters nicht selbst in der Hand gehalten hat, wird die vibrierende Faszination, die Technik der Zukunft zu berühren, nicht verstehen. Das bietet dieses immer wieder auf neue überraschende Spektakel. Objekte zu berühren, mit denen Tom Cruise nur auf der Kinoleinwand hantiert. Mit Vordenkern über den Einsatz von Zukunftstechnologien des 22. Jahrhunderts sinnieren.

Im Future Innovators Summit wurde im Kontext des Future-Catalyst-Programms an der Entwicklung von Post City Kits, dem Instrumentarium an Ideen, Strategien, Werkzeugen und Prototypen für die Stadt von morgen, gearbeitet. Karl Pletschko, CEO des heimischen Unternehmens Mopius, wurde für jene Gruppe ausgewählt, die der Frage „Wie smart darf eine Stadt noch sein, ohne dass wir uns vor dem Leben dort fürchten müssen?“ nachging. „Die Diskussionen in der Gruppe waren anstrengend“, informiert Pletschko und detailliert, „aber sehr spannend. Als sich Hiroshi Ishii, unser Mentor vom MIT Media Lab, am vorletzten Tag unsere Ideen anhörte und meinte, dass alles, was wir entwickelt haben, vollkommener Schwachsinn sei, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen hatte ich dann die Idee. Wir hatten zu unstrukturiert gedacht. Ich habe also den Mensch und nicht den Bürger ins Zentrum der Stadt gerückt und ein Service- und Bedürfnissystem mittels Farbschema rund um ihn konstruiert. Damit hatten wir unsere Idee.“

Post-City im Fokus

Die vielen Locations, die das Festival umspannt, erfordern eine gute Planung, um sich einerseits auf Themen, die man beruflich interessant findet, konzentrieren zu können, anderseits da einen spannenden Vortrag oder dort die temporär angesetzten Performances mitnehmen zu können. Ein Fokus ist dieses Jahr die Post-City, die Kunst-Uni und der Deep Space, und immer öfter wirkt der Sektor der Future Mobility anziehend. Es muss das Zukunftsauto von Daimler sein, das da die Besucher wie magisch anzieht.

„Mobilität ist Stress“, ist der erste Satz von Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky im Interview. „Ein Beitrag zur Stressbewältigung liegt in der Automatisierung und im individuell selbstbestimmten Umgang mit dem Verkehr. Remote Parking wird viel Entlastung bringen, ebenso wie autonom fahrende ‚People Movers‘, die als Zubringer von Vorstadtbewohnern ins Zentrum fungieren. Die Aufgabenstellung des Automobils von morgen lautet ‚Dual Use‘. Man geht arbeiten und schickt sein Auto zu Freunden, die es für einen Umzug brauchen oder zum Nachbarn, der damit als Uber-Chauffeur unterwegs ist. Ein überschaubarer Kreis von Menschen teilt sich diese Zukunftswägen“, erzählt Mankowsky seine Visionen. Die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine werde eine große Rolle spielen. „Beim Mercedes F 015 projizieren wir mit Lichtsignalen einen Fußgängerstreifen auf die Straße, um den Fußgänger wissen zu lassen, dass ihn das Automobil erkannt hat und er die Straße überqueren kann. Wir müssen dem Auto soziale Wahrnehmung und Improvisationstalent beibringen“, so Mankowsky. Menschliche Eigenschaften für eine Maschine also? „Wir wollen, dass das Fahrzeug anhält, wenn es etwas nicht versteht und einen Menschen befragt, der dann auswählt, welche Manöver es vollführen muss. Daher wird es einen Führerschein für automatisiertes Fahren geben. Man wird also in Zukunft nicht lenken lernen müssen, aber die Verantwortung für das Fahrzeug tragen und dem Auto sagen, was es tun soll“, so der Forscher.

Und welchen Rat geben Sie einem 16-Jährigen, der gerade seinen Führerschein machen möchte, für die Zukunft? Mankowsky: „Einen sehr einfachen: Er soll sich seine Talente ansehen und herausfinden, welche davon repetitiv und algorithmisierbar sind. Und dann auf jene Talente fokussieren, die nicht automatisierbar sind, und diese weiterentwickeln“, lacht er.

Was hält der Ausblick ins Jahr 2050 also Spannendes für uns bereit? Mankowsky: „Was auch immer es ist, fliegende Autos wird es nicht geben. Dafür gibt es noch keine wissenschaftliche Antwort. Auch wenn mit Gravitation und Magnetschwebetechnik herumexperimentiert wird. Manches, das aus dem MIT kommt, ist doch eher metaphorisch zu sehen. Bei all den Ideen, Lithium am Mond ab- und Habitats am Mars aufzubauen, wäre es mir lieber, wenn sich Menschen um die Erde kümmern würden. Wer zu viel Energie in sich spürt, dem würde ich sagen: Es gibt hier genug zu tun. ”

 

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