Schaufenster-Design

Posted on | February 22, 2019

Jahrelang bin ich in die Metropolen dieser Welt geflogen, um durch die Häuserschluchten zu spazieren und zu zelebrieren, was in Zeiten des Online-Einkaufens fast ausgestorben ist: “Window-Shopping”. Ein Begriff, den wir als Schaufensterbummeln kennen.

Dass sich Window-Shopping bei uns noch nicht als beliebte Freizeitbeschäftigung durchgesetzt hat und niemand einen Blog “I do Windows” oder “The Window Shopper” nennt, liegt allerdings auch daran, dass unsere Schaufenster selten so spektakulär inszeniert sind wie die Fenster von Luxuskaufhäusern in New York, London oder Paris.

Online hat den Window Shopper, den Flaneur zur Unkenntlichkeit verpixelt.

Die großen Traditionsläden arbeitet mit Künstlern zusammen und mit Schaufensterdesignern (eng. Visual Merchandiser) Manchmal besteht die Schaufensterdekoration aus einer Hightech-Installation und einer einzigen Idee.

Schaufenster gibt es seit rund 150 Jahren. Ihre Aufgabe: Inspiration und Produktpräsentation. Sie sind die Visitenkarte des Unternehmens. Schaufenster sind so eine Art About you-Trends kombiniert mit Google-Suche für die Offline-Welt. Oder anders formuliert: Schaufenster ziehen die Menschen an, bewerben Produkte und tragen zum Branding des Händlers bei.

In Tokio stellte der Shootingstar der Design-Szene, Tokujin Yoshioka, vor Jahren einfach eine Videoinstallation mit einer wunderschönen Frau in die Schaufenster und ließ sie in einer Endlosschleife gegen ein Carré, also eines der bekannten Hermes Seidentücher pusten, wobei die Schönheit digital, der Lufthauch und das Tuch aber analog waren. Das ist wohl genau dieser Clash of Cultures, der den Reiz des Schaufensterbummels heute ausmacht: in unserer hoch digitalisierten Zeit tut sich ein analoges Fenster auf, in dem die Welt stillzustehen scheint.

Da werden Welten aus Papier oder Leder gebastelt, wie es Hermes in Dutzenden Fenstern durch insgesamt zehn Fenster marschieren die berühmtesten Produkte des französischen Traditionshauses.

Während der letztjährigen London Fashion Week haben sich die legendärsten Londoner Kaufhäuser zusammengeschlossen, um ein 100 Jahr-Jubiläum zu feiern. Vor 100 Jahren hatten Frauen in Großbritannien das Wahlrecht erwirkt. Als Teil der #BehindEveryGreatCity-Kampagne beschlossen Harrods, Harvey Nichols und Fortnum & Mason, diese selbstbewusste Initiative der Frauen zu feiern und ihre Rolle in der Gleichstellungsbewegung hervorheben, indem sie symbolisch Schaufenster zertrümmern.

Warum? Die zerschmetterten Displays spiegeln einen historischen Moment in der Wahlrechtsbewegung im Jahr 1912 wider, als die Fenster der Luxuskaufhäuser von Suffragetten zerschlagen wurden, um Lärm zu machen, dadurch Gehör für ihr Anliegen zu finden.

Hoffentlich wird es sie auch in unseren Städten eines Tages geben, die Schaufenster-Flaniermeilen, die ähnlich anziehend sind, wie jene aus Paris, London und New York.

 

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